Wie er selbst ja schon ausgeführt hat, ist mein Mann eigentlich ziemlich mutig. Er kann Reden halten, vor vielen Leuten, auch über komplizierte Themen. Da kennt er nichts. Wo andere nervös werden und schwitzige Hände kriegen, legt er einfach los. Und das meist mit Erfolg. Was er nicht kann, versucht er trotzdem und lernt es so erfolgreich auf dem Weg. Ein fröhlicher Mensch. Und witzig kann er sein, schallend lachen und einen so quasi zum Mitlachen zwingen. Ein toller und liebevoller Vater. Und dann ist da noch dieses andere Herz in seiner Brust.

Ängstlich und klein

Da gibt es in meinem Mann diesen kleinen Piraten. Der hat Angst, hält nicht viel von sich und macht nichts aus dem, was er kann. Ich musste erst mal verstehen, woher das kam. Und besser verstanden habe ich das, als ich vor vielen Jahren einen zufälligen Blick auf seine Lohnabrechnung geworfen hatte.

Wir haben damals beide in derselben Filiale dieser schwedischen Modekette gearbeitet. Wir waren noch ganz schön jung, irgendwie. Hatten ständig Geldsorgen, aber wir kamen klar. Von Familie und Kindern war noch gar nicht die Rede, wir waren erst kurz zusammen. Wir hatten damals noch nicht mal unseren Apollo angeschafft. Da lag sie, die Lohnabrechnung. Offen lag sie rum, als ob er gewollt hätte, dass ich sie mir anschaue.

Als ob er unterbewusst wollte, dass ich es weiß – ohne zu wissen, wie er es mir sagen soll.

Eine Pfändung war darauf zu sehen. Ich machte mir erstmal Sorgen. Auch ohne Ehering hatte ich das Gefühl, mit verantwortlich zu sein, für sein monetäres Wohlergehen. War das noch von seinem gescheiterten Klamottenladen? Ich wollte es wissen und sprach ihn darauf an. Er wollte nicht einfach antworten und stattdessen mit mir essen gehen. Ich kriegte Panik. Was kann er mir denn nicht einfach so sagen? War es so schlimm? Was zum Geier könnte das bloß sein?

Wir fuhren also los, gingen in ein Restaurant in der Nähe der TU Berlin, saßen am Fenster. Der sonst so mutige Pirat sitzt mir gegenüber wie ein Häufchen Elend. Nervös, ängstlich, ein bisschen wie ein kleiner Junge, der beichten muss, dass er beim Fußball spielen ein Schaufenster kaputt geschossen hat. Seine Hände zittern und er erzählt mir von seiner Tochter. Dass er eine hat, sie muss etwa 15 Jahre alt sein. Dass er den Unterhalt wohl mal nicht zahlen konnte und er deswegen die Lohnpfändung hat.

Mein Mann hat schon eine Tochter

Er hat geweint. Ich war überrumpelt und überwältigt. Und habe auch geweint. Der Mann hatte echte Angst, ich würde ihn deswegen verlassen. Was das an meiner Liebe zu ihm ändern sollte, habe ich nicht verstanden. Es machte mich fertig, dass es ihm so schlecht ging. Und ich war froh, über seine Tochter Bescheid zu wissen. Keiner seiner bisherigen Freundinnen habe er bisher davon erzählt, sagt er mir. Überhaupt, wisse das kaum jemand. Seiner Mama hat er dann wenig später gesagt, dass er mir von seiner Tochter erzählt hat. Die meinte dann zu mir, dass sie es bewundernswert findet, dass ich trotzdem bei ihm geblieben bin. Ich verstehe den Inhalt dieser Aussage bis heute nicht ganz, kann den Ursprung aber besser nachvollziehen.

Sie erklärt auch, wieso in der Brust von meinem Mann diese zwei Herzen schlagen.

Es hat mich Jahre gebraucht, zu verstehen, woher dieser Satz kam und was das alles für den Pirat bedeutet hat. Denn auch mit mir wollte er nicht gern darüber reden. Ich muss dazu sagen, dass einige meiner schlechteren Charaktereigenschaften sind, dass ich es immer besser weiß und dann auch noch übergriffig bin. Undiplomatisch habe ich immer wieder gebohrt. Gefragt, wie es dazu kam, wo seine Tochter lebt, ob er sie nicht kennen lernen möchte. Es tat ihm weh, er machte oft dicht. Souverän wie er sonst war, dieses Thema haute ihn um.

Und großzügig wie er mit anderen ist, so knauserig war er damals mit sich selbst. Man konnte mit ihm keine halbe Stunde im Restaurant sitzen und einfach was trinken und quatschen. Er musste los, was tun! Er gönnte sich wenig bis gar nichts. Stillsitzen war ihm irgendwie nicht erlaubt. Er arbeitete immer hart und haderte trotzdem mit seinem Können. Das hat mich viel Arbeit gekostet, ihn davon zu überzeugen, dass er WAS und vor allem MEHR wert ist.

Wenn Kinder Kinder kriegen…

Angefangen muss seine Unsicherheit haben, als er damals aus heiterem Himmel zum Vaterschaftstest bestellt wurde. Er wusste damals nicht, dass seine Tochter schon fast ein Jahr alt war und dachte „Das Kind kann ja nicht von mir sein, ich hab die Mutter doch schon ewig nicht mehr gesehen!“. Die damalige Sachbearbeiterin im Amt Wedding schien ein ordentlicher Besen gewesen zu sein. Er fühlte sich behandelt, wie ein Schwerverbrecher. Und mein allgemeiner Eindruck durch Beobachtung ähnlicher Familiensituationen ist Folgender:

Wenn Kinder Kinder kriegen, führen die (Groß-)Eltern zwangsläufig einen Krieg. Sie wollen ihr eigenes Kind beschützen und ringen ebenso um das Enkelkind. Nur leider widerspricht sich beides miteinander. Ich höre nur ab und zu wage, dass es vor Gericht damals „unschön“ lief. Ich habe meinen Schwiegervater leider nie kennen gelernt, aber allein meine Schwiegermutter hat ordentlich Pfeffer. Sie wird allein schon für und um ihren Sohn gekämpft haben, wie eine Walküre.

Am Ende standen anscheinend verhärtete Fronten, zwei Kinder, die nichts selbst mitentscheiden konnten und ein ahnungsloses Baby.

Was danach kommt, wird denke ich, der Vergangenheit im zweiten Weltkrieg und der Erziehung der Großeltern geschuldet sein. Mein persönlicher Eindruck ist, dass „der Krieg“ um das Baby auf Seiten meines Mannes als verloren betrachtet wurde. Und so machte man sich daran, das Thema abzuhaken und das Nötigste zu tun. Verantwortung zu übernehmen, ja. Aber ansonsten nicht weiter darüber nachzudenken. Worüber man nicht spricht, das ist auch nicht da. Das kann einen auch nicht traurig machen. Ich verstehe das schon irgendwie, aber ich persönlich teile diese Meinung eben nicht.

Der Blog-Pirat und seine Piratentochter schreiben gemeinsam über all diese MOMENTE, die sie dahin gebracht haben, dass sie sich heute doch kennen.


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