Das dachte ich mir ja vorher schon. Also, dass viel Neues auf mich zukäme. Aber Zeit für Neues im Sinne von – hat gar nichts direkt mit dem Baby zu tun – das kam eher unerwartet.

Das ist jetzt schon eine ganze Weile her. Mein Großer ist ja jetzt schon 8 Jahre alt und der Kurze verwischt so manche Erinnerung an meine erste Elternzeit. Ich erinnere mich aber noch, wie viel Angst ich hatte. Der Moment, als ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt und selbigen ängstlich-wütend-überfordert und heulend durchs Zimmer geschmissen habe. Zu unserer damaligen Situation: Blog-Pirat und -Piratin haben beide im Einzelhandel gearbeitet. Schwedische Modekette – ihr wisst schon…

Zeit für Neues – Können vor Lachen?

Wer es nicht selbst schon erlebt hat: Im Einzelhandel wird man allgemein nicht gut oder mit Respekt behandelt und man wird außerdem unterirdisch schlecht bezahlt. Die Kunden halten einen für faul und vor allem für DUMM. Die Kollegen halten einen für zu langsam und für Blaumacher, wenn man sich ständig bei den Kunden mit Erkältungen ansteckt oder Rückenschmerzen/Migräne/etc hat und es wagt, zu Hause zu bleiben. Die Chefs halten einen für undankbar und austauschbar.

Im Einzelhandel bist du der Fußabtreter der Gesellschaft. Und irgendwann glaubst du den Mist. Es vergeht ja kein Tag, an dem die Arbeit nicht frustrierend, körperlich auslaugend und demotivierend ist. Denn eines der Vorurteile ist wahr: austauschbar ist man. Die Arbeit, die verrichtet wird, ist innerhalb kürzester Zeit erlernt. Dementsprechend hoch ist auch die Fluktuation und der Chef-Wechsel.

Warum habe ich nicht schon lange hingeschmissen?

Wo der Job doch so frustrierend war? Und die Arbeitszeiten so elend? Warum habe ich das fast 10 Jahre ausgehalten, obwohl die Zeit im Betriebsrat noch extremer zur Demotivierung beigetragen hatte? Das hatte mit einem bodentiefen Selbstwertgefühl zu tun, das ich vorher schon hatte, aber durch die Zeit bei den Schweden noch viel schlimmer wurde. Schlechte Bezahlung und schlechtes Gefühl und trotzdem eine irre Angst, den Job zu verlieren. Immer das Gefühl „ich kann doch nix, was soll ich stattdessen machen“.

Mutter sein befreit!

Der Abstand, den ich im Beschäftigungsverbot und dem Mutterschutz bekommen habe, tat mir unheimlich gut. Ich hatte mir schon kurz vorher einen Nebenjob aufgetan, in einem Büro. Dass mir das liegt, hätte ich nie gedacht, aber das gab mir den ersten Aufschwung im Selbstbewusstsein. Und in der freien Zeit vor der Geburt konnte ich mich mit mir selbst beschäftigen und mich von dem sektenartigen Blödsinn der Schweden frei machen.

Als mein Baby dann da war, war ja sowieso alles anders.

Heute denke ich manchmal, dass ich mich vielleicht nie bewusst FÜR Kinder entschieden hätte, wenn mir mein glücklicher „Unfall“ nicht passiert wäre. Dann hätte ich nie dieses Verschieben von Prioritäten erleben dürfen. Nie dieses Empfinden, mich zu fühlen, wie eine Löwin. Endlich hatte mein Leben einen Sinn! Ernsthaft, es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen: hierzu bin ich auf der Welt!

Zeit für Neues - Elternzeit und Jobwechsel

Ich bin im Muttersein total aufgegangen. Ich habe mich gefühlt, als könnte ich Berge versetzen. Ich fühlte mich sexy und schön und schlau und ich wollte den blöden Schweden zeigen, wo der Hammer hängt.

In der Elternzeit haben wir aber noch gelitten, wie Hund.

Wir waren beide gemeinsam für 7 volle Monate mit unserem Traumbaby zu Hause. Er war immer total unkompliziert, hat nie geschrien – ein richtiges Anfängerbaby. Aber das wenige Geld hat uns fast das Genick gebrochen. Der Pirat hatte etwa 600€, ich etwa 350€ pro Monat. Wir waren kurz vor der Schwangerschaft in eine größere, teurere Wohnung gezogen – ein Arbeitszimmer!! Äh, nein – Kinderzimmer…

Die Geldfrage und die Arbeitszeiten nach der Elternzeit waren eine große Motivation, für neue Perspektiven. Ich hatte Glück, dass immer wieder Leute an mich gedacht haben und mich für coole Jobs empfohlen haben. Meine Freundin, Rechtsanwältin, meinte irgendwann mal zu mir, ich sei die perfekte Rechtsanwaltsfachangestellte. Der ordentliche Mundvoll, kurz auch ReFa, bedeutet banal gesagt, eine Sekretärin für Anwälte. Ich konnte mir das nicht so recht vorstellen, sollte aber bei einem gemeinsamen alten Schulfreund in der Kanzlei nebenbei ein paar Stunden Urlaubsvertretung machen. „Ans Telefon wirst du ja wohl gehen können?“

Ja konnte ich. Und noch mehr. Die eigentliche angestellte ReFa war dann bald weg und ich machte alles, was sie auch gemacht hatte. Ob ich bleiben wollte, wurde ich gefragt. Ja wollte ich! Viel bessere Arbeitszeiten, bessere Bezahlung, wertschätzende Chefs, freundlicher Kundenkontakt, abwechslungsreiche Aufgaben. Ein Kontrastprogramm zum Einzelhandel und es tat mir SO gut.

Nochmal Zeit für Neues? Ausbildung anfangen mit 31 Jahren??

Also schmiss ich der schwedischen Modekette mit Pomp die Kündigung hin. Meine neuen Chefs bestätigten mir Arbeitszeiten, die es mir nicht erlaubten, meinen Sohn von der KiTa abzuholen. Dadurch musste die sektenartige Modekette dies aber meinem Mann möglich machen. Zack! Hatte der auch Frühschichten und musste nur noch jede zweite Woche samstags ran. Frustriert hat mich nur noch, dass ich teilweise in meinem neuen Job nicht wusste, was ich da tat.

Also fragten meine Chefs mich, ob ich mir vorstellen könnte, die Ausbildung zur ReFa zu machen. Mit voller Bezahlung. Aber mit 31 Jahren als Mutter, mich nochmal zwischen 16- bis 18-Jährige auf die Schulbank zu setzen? Ich war SEHR skeptisch. Ich hatte es aber auch satt, für diverse Jobs überqualifiziert zu sein, meine Fähigkeiten aber nicht nachweisen zu können. Also habe ich die Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten gemacht. 2,5 Jahre später war ich fertig.

Neue Jobs wie Sand am Meer

Ich bin inzwischen in einer größeren Kanzlei gelandet und bin happy. Ich kann mir meinen Job quasi aussuchen. Kanzleien suchen immer und auch viele andere Branchen suchen ausdrücklich nach ReFas, da die Ausbildung anspruchsvoll ist und die Arbeit gewertschätzt wird. Ab und an kommen nochmal die Minderwertigkeitsgefühle von früher hoch. Aber ich habe bald länger als ReFa gearbeitet, als im Einzelhandel.

Die schwedische Modekette hat die Filiale, in der ich es so lange ausgehalten habe, sang- und klanglos vor Kurzem einfach dicht gemacht.

Und schlicht alle Mitarbeiter entlassen, anstatt sie auf die weiteren 30 Filialen in Berlin zu verteilen. Ältere Mitarbeiter, alleinerziehende Mütter mit Kindern oder in Elternzeit, alle arbeitslos. Die Vorstellung, wie wir uns gefühlt hätten, hätten wir das mitmachen müssen…. Den Absprung haben beide Piraten ja gottseidank weit vorher schon geschafft.

Der Blog-Pirat erzählt euch noch, wie es jobmäßig für ihn nach der Elternzeit gelaufen ist… Und auch Piraten Tochter und Klabautermann haben zu dem Thema einiges zu sagen! 😉

Wann war es bei euch Zeit für Neues? Oder wann wird es bei euch soweit sein?

Danke fürs Lesen, die Blog-Piratin


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und willige in die Datenschutzerklärung ein. Mir ist bewusst das zum kommentieren meine Benutzerdaten abgefragt und gespeichert werden.